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Vorwort
Wer vor dreissig Jahren einen Text schrieb, begann links oben auf dem Papier und schrieb Buchstabe um Buchstabe, Zeile um Zeile auf den Schlusspunkt zu. Heute entstehen Texte durch Kombinieren, Zitieren, Collagieren, Redigieren und Korrigieren – wenn sie für die Öffentlichkeit bestimmt sind oft unter Mitwirkung mehrerer Personen. Mit dem Internet-Terminal ist es dabei zum ersten Mal gelungen, Recherche- und Schreibwerkzeug in einem Gerät zu vereinen. War es nicht Gutenberg, der vor langer Zeit davon träumte...?

Einige heutige Texte wären vor dreissig Jahren nicht möglich gewesen. Das sieht man ihnen nicht gleich an, denn sie bestehen immer noch aus denselben 26 Zeichen. In der Musik, der Fotografie oder der Architektur ist das anders. Dort gibt das Material immer auch Auskunft über die Entstehung eines Werks. Wird bald jeder Buchstabe ein elektronisches Datenschwänzchen tragen, das sein Geburtsdatum und seinen Urheber dokumentiert?

Welches sind die häufigsten Buchstaben? Wie unterhält man sich mit einem Roboter? Wann kommt die Mehrwortsteuer? Wie findet man Löcher in der Sprache, und wie behebt man sie? Wo ist in der heutigen Literatur oben und unten? Was hilft Einsteins spezielle Relativitätstheorie beim Schreiben? Warum gibt es in den Illustrierten so viele Päpste? Und warum fliesst das Meer in Bern nicht?

Diese Sprachfacetten sind als Kolumnen für die «WerbeWoche» entstanden. Nach sechs Jahren und 275 Artikeln als «Sprachbeobachter» habe ich 81 Arbeiten in der Reihenfolge ihrer Entstehung zu diesem Staatsexamen zusammengefügt.

Die Texte bestehen aus arrangierten Fundstücken. Denn ich habe abgeschrieben: von Zeitungen und vom Fernsehen, von alten Meistern und jungen Wilden, bei Kolleginnen und Unternehmen, im Internet und an der Fasnacht, kurz, bei Wildfremden und bei mir selbst. Wer es genau wissen will, erfährt mehr im Leseverzeichnis am Schluss.

Wenn jemand zehn Jahre an der Sprachfront mit Texten arbeitet, dann schreibt sich so ein Buch von selbst. Ich zeichne deshalb nicht als Autor, sondern als Herausgeber.

Beat Gloor

zum Seitenanfang Vorwort
1 Nostallergie 1993
2 Die Gimmeldinger Meerspinne
3 Druckfehler: teuer bis tödlich
4 Da sind Sie brienz und basel
5 96%
6 Episode am Strand
7 Wozu ist die Sprache da? 1994
8 Wo ist der Wind, wenn er nicht weht?
9 BR oder PR? Presse oder PResse?
10 Die Faust aufs Auge des Gesetzes
11 Falsch verstanden
12 Sex-Sadist (43) quälte Freundin 20 Stunden lang!
13 Grosse und kleine Buchstaben
14 Die Verhauptwörterung
15 Endlich neue Wörter
16 Nein, nein und nochmals nein! 1995
17 Der oberpeinliche Pissoircaballero und seine interdisziplinäre Fluktuationskompetenz
18 Die Mehrwortsteuer und der Fussball
19 Gedanken über den Mond
20 Famous Last Words
21 Folklorepapst grüsst Fussballkaiser (.pdf)
22 Am Anfang war das Wort
23 Siebenundsiebzig falsche Trennungen
24 Zitat – Plagiat
25 Das kantsche Problem
26 Finden Sie das versteckte Unternehmen!
27 Das Passiv: eine Leidensgeschichte
28 Am frischen Gemüsestand 1996
29 Wie viel hält die Sprache aus?
30 Die Grundschrift
31 Wenn der Kralli putzt
32 Ein Blick in die Zukunft
33 Neulich am Pistenrand
34 Schreiben ist schwer
35 Mahatma Meier
36 Lügen, Märchen und andere Wahrheiten
37 Wer war Frau Guisan-Quai?
38 Das Meer fliesst nicht in der Schweiz, vor allem in Bern nicht 39 166 Arten, Fritz zu sagen
40 Rumpelstilzchen in Rhodesien
41 Sie werden überrascht sein!
42 Sprachen – Wörter – Buchstaben: ein wenig Statistik 1997
43 i
44 Knick und ab (.pdf)
45 Der Sonnenstrahl in Stücken
46 Löcher in der Sprache
47 Wie werden wir in Zukunft schreiben?
48 Schweine im Zug
49 Was geschieht beim Schreiben?
50 Das wertvollste Gedicht der Welt
51 Konrad Lohner gibt es nicht
52 Eine Zeitung für fünf Franken
53 Begegnung mit einem Roboter
54 Im Gespräch kommt man sich näher
55 Stalingrad 1997
56 Wir wäschesoftig-leichten Werbetexter brechen eine schmuseweiche Lanze für die kuschelsanften Adjektive
57 Die Sprache von Techno 1998
58 Liebe Lesende
59 I survived Hugo
60 Quare sibi habeant eiusdem nonummy nibh
61 Erinnern Sie sich?!
62 Schreiben im Jahr 2028
63 Die Text-Jukebox
64 Die konservative Schreibmaschine
65 Unggetungge dügglet
66 Die Wahrheit über Rotkäppchen
67 Die Original-Fälschung
68 Über die Windstille im Kopf beim Rosenschneiden und den Nutzen von Einsteins spezieller Relativitätstheorie beim Schreiben
69 Neue deutsche Rechtschreibung: Hundert Jahre sind vorbei
70 Unheimlich unlogisch
71 Haikus
72 The Age of Information
73 Der längste Ort der Welt 1999
74 Paparazzo, sitz!
75 Von links nach rechts
76 Kreuzworträtsel
77 Der Hinweis (.pdf)
78 Der violette Nachttischlampenfisch
79 l / 0
80 Wo ist in der heutigen Literatur oben und unten?
81 Die Veränderung der Veränderung...

Verwendete und weiterempfohlene Kulturdatenträger / Auf die Insel

zum Seitenanfang Folklorepapst grüsst Fussballkaiser
Der Verwalter des französischen Weinschlosses Pape-Clément, Bernard Magrez, ernennt in Anlehnung an den Namen seines Gutes jedes Jahr einen Papst. Zino Davidoff wurde 1994 zum Pape du cigare, Mstislav Rostropovitch 1995 zum Pape de la musique und Jacques Cousteau 1996 zum Pape de la mer erkoren.

Frankreich, das sich in sprachlichen Belangen ohnehin durch eine gewisse Systematik auszeichnet (Académie française, Liste verbotener englischer Wörter, obligatorische Abspielquote französischer Musiktitel am Radio), exerziert uns etwas vor, was sich auch im deutschsprachigen Raum durchsetzt.

Auch bei uns wimmelt es von Päpsten: Wir haben den Esspapst Silvio Rizzi, den Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki und den Folklorepapst Sepp Trütsch; ausserdem den Technopapst Noldi Meyer, die Sexpäpstin Beate Uhse und neuerdings auch – mich streift ein Hirtenstab – den Paraplegikerpapst Guido A. Zäch («Schweizer Illustrierte»). Dann gibt’s da noch diesen Religionspapst im Vatikan...

Wie wär’s mit Bundespapst Ogi, Transportpapst Giezendanner oder Volkspapst Blocher? Um den Titel des Fussballpapstes werden sich Havelange, Beckenbauer und Blatter wohl in die allmählich ausgehenden Haare geraten. Beckenbauer ist bereits Fussballkaiser und wird wohl ausscheiden – die Personalunion der Titel Papst und Kaiser hat ja auch damals im Mittelalter nicht funktioniert.

Eigenartigerweise sind Kaiser seltener als Päpste. Gibt es überhaupt noch einen zweiten Promi-Kaiser neben Franz? Dafür sind wir mit Königen gesegnet wie kaum eine andere Demokratie der Welt: Uhrenkönig Nicolas Hayek, Rock-’n’-Roll-König Polo Hofer, zahllose Schwingerkönige, und jedes Jahr erhalten wir eine neue Schönheitskönigin dazu. Nur mit dem Nachwuchs hapert’s: Unsere Tennisprinzessin ist erwachsen geworden, und die Aushilfsdiva Bella Nella zeigt die Verzweiflung der Illustrierten Schweizer darüber, dass es immer schwieriger wird, jemanden zu finden, der bereit ist, sich fürs Titelblatt ablichten zu lassen.

Presse, Funk und Fernsehen werfen mit allerlei weltlichen und geistlichen Titeln um sich: vom Formenzar Luigi Colani war da zu lesen, vom Fussballminister Hodgson oder von Dero Bundesfinanz Otto Stich. Eigenartigerweise haben ihre Nachfolger Kaspar Villiger und Artur Jorge bis Gilbert Gress die Titel nicht geerbt.

Wieso lassen sich nicht gleich alle eidgenössischen Räte als Päpste anreden – oder zumindest als Nationalbischöfe und Ständekardinäle? Darüber wären die Parteipriester Durrer, Steinegger und Maurer ebenso erfreut wie Kolumnenkardinal Frank A. Meyer und die «10 vor 10»-Baronessa Jana Caniga mit ihren Informationsherzögen und -duchessen.

Der Berufsnichtraucher vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin an der Universität Zürich würde als Dero Nonfumanz Prof. Dr. Felix Gutzwiller eine ebenso gute Figur machen wie Seine Hochperformanz Martin Ebner. Zudem sollte Fredi Hinz umgehend zum Humordezernenten befördert werden – mit Meyer-Benrath als Assistenten –, derweil Kachelmann & Co. von Fröschen zu Wetterintendanten oder Wetterwalchen geküsst würden. Weitere Beförderungsvorschläge: Schweinepriester Erwin Kessler, Medienoberstudienräte Michael Ringier und Hans Heinrich Coninx, Unterhaltungsdekan Beni Thurnheer, Boxfürst Stefan Angehrn, Skikonsul Bernhard Russi, Schweizer Gewerkschaftsapostel Vasco Pedrina, Arenator Filippo Leutenegger und Heiliger Konkursvater Werner K. Rey.